IV. Tschüßchen

TAG SIEBEN. Nun ist es soweit: Ich habe auch die letzte Fahne, die mich zumindest subjektiv von den anderen Patienten abgrenzt, eingeholt. Ich lasse mich jetzt mit dem Taxi zur Reha und zurück bringen! Es war immer ein beruhigendes Gefühl nach fünf Stunden warmer Bäder, Wartezeiten und Mittagessen mit einer anderen Generation sich mit dem Fahrrad wieder unter die Studenten zu mischen. Erst moglte ich mich unter die Mediziner, dann die FH- Studenten und dann war ich auch schon wieder auf der Promenade und bin nicht weiter aufgefallen. Damit ist jetzt Schluss! Ich gehe aus der Haustür, steige ins Taxi und bin sofort einer von „denen“. Zum Beispiel der Seebär Koslowski. Mit dem Auge muss er bald wieder nach Münster-Hiltrup zur weiteren Untersuchung. Meine Sorgen, dass ihn die vielen Arztbesuche nerven könnten, kann er sofort zerstreuen – ihm gefällt das prima, er hat auch sonst nicht vor!
Der Mann hat es mir richtig angetan. Und das obwohl wir noch gar nicht zusammen im Bewegungsbad waren! Dafür radeln wir jetzt gemeinsam, oder besser nebeneinander durch den Fitnessraum. Während ich unbedarft drauf los trete muss Herr Koslowski erst einmal sitzen. Wenn es nach einer Verschnaufpause dann losgehen soll wird der Coach mit einem charmanten „Ey“ herbeigerufen. Etwas irritiert von dem Befehlston stellt der Aufpasser in seiner Sportuniform – Warum eigentlich, wenn er doch sowieso nur den anderen bei der Arbeit zuguckt? – das Fahrrad für Herrn Koslowski passend ein. Dieser gibt ihm anstatt eines Dankeschöns nur ein weiteres schneidiges „Ey“ mit, gefolgt von der Feststellung „Hier stimmt was nicht!“, alles natürlich auch vom anderen Ende des Raumes bestens zu verstehen. Zwischen Nuscheln und Gebrüll scheint es in seiner Stimme wenig Spielraum zu geben. Der Aufpasser dreht sich lächelnd um und klärt den Brüllaffen über eine kleine Gewichtssteigerung auf. Soviel Humor hätte ich dem Pfleger gar nicht zugetraut; zuvor ist er mir nur bei dem betont lässigen Handschlag mit den wenigen aufgefallen, die so aussehen, als wenn sie nach der Behandlung auch wieder Sport treiben wollen.
Mein Humor scheint sich jedoch auch der Umgebung anzupassen, denn wie gestern kann ich mich immer noch sehr über das Hüpfen von Herrn Koslowski freuen. Nach etwa zehn Hüpfern auf den Gymnastikball mit den Händen an der Sprossenwand braucht er aber auf die Anstrengung erst einmal ein paar kräftige Züge Asthmaspray! Ich nicke ihm freundlich zu und gehe zur nächsten Übung, in direkter Umgebung einer weiteren Badebekanntschaft.
Da ist es schon wieder, das Problem des ewigen Grüßens. Im Laufe eines Tages in der Reha läuft man ständig den gleichen Leuten über den Weg: Auf dem Weg aus der Umkleide zur „Phy“, dann zurück zur „KG“ und weiter zur „MTT“. Im Bewegungsbad, beim Mittagessen, im Wartebereich, wo sowieso alle grüßen, die vorbeikommen. Zusätzlich grüßen die Pfleger konsequent den ganzen Tag hindurch. Und weil alle so oft und so viele Leute Hallo sagen, verliert man den Überblick und nickt aus lauter Hilflosigkeit den gleichen Leuten dreimal freundlich zu. Dem muss man doch ein Ende setzen, und ich fange jetzt damit an! Ich gehe langsam auf das nächste Gerät zu, setze den Tunnelblick auf und werde an der Station mit einem freundlichen Hallo begrüßt. Ich gucke hoch, versuche bis zuletzt nichts zu sagen und dann rutscht mir doch ein kleines Hallo heraus. Ich bin eindeutig schon zu lange hier!
Aber auch die Verabschiedung ist ein Thema für sich. Ein „Tschüß“ beim Verlassen der Umkleide ist ja noch im Rahmen, aber muss das dann auch noch nach dem Bewegungsbad sein? Und überhaupt, man schlürft doch in spätesten einer halben Stunde wieder über den Flur und ist sich nicht ganz sicher, ob man die Damen mit Gehilfen oder die Herren auf Krücken ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen überholen darf.
Zumindest die Lösung des Verabschiedungsproblems erfahre ich beim Mittagessen. Nur nebenbei: Ich habe langsam den Verdacht, dass Heike, die das essen aus dem Bistro nebenan holt und serviert, extra große Portionen für mich bestellt. Oder liegt es nur daran, dass meine Leidensgenossinnen entweder einen Salat oder nur einen Kinderteller bestellt haben? Egal, irgendwann bin ich mit meinem Curryhühnchen und der Extraportion Reis fertig und will mich auf dem Weg machen, da ist eine Verabschiedung fast unumgänglich. Für einen großen Abschied reicht es aber noch nicht, immerhin habe ich noch drei Stunden lang die Chance, die Leute, von denen ich mich verabschiede, auf dem Flur wiederzutreffen. Heike, ungefähr 50 Jahre und mit einem extrem breiten Berlinerisch ausgestattet, ist mir in der Hinsicht um längen voraus: „Ick sach ma’ Tschüßchen!“ Ditte sach ick ooch, steige ins Taxi und vor meiner Haustür bringt mir der Taxifahrer dann noch eine neue Vokabel bei: „Bis Andernmal“! Da bleibe ich doch lieber beim „Tschüßchen“. Noch acht Tage.

III. Das Auge geht vor

TAG FÜNF. Die wichtigste Nachricht des Tages: Der Seebär mit den tätowierten Armen heißt Koslowski, ein Name, als würde Helge Schneider Regie führen. Herr Koslowski also. Er musste am Freitag schon zum Augenarzt. Den Gefallen nach dem Grund für den Besuch zu fragen hatte ich ihm nicht getan. Heute konnte ich mich dann nicht mehr wehren.
Völlig hilflos lag ich rücklings auf dem Boden mit den Beinen in der Luft und stemmte gleichzeitig mit Hilfe des Seilzugs armselige 15 Kilo in die Luft. Dann setzt sich der zu dem Zeitpunkt noch namenlose Seebär neben mich auf einen Gymnastikball, hält sich an der Sprossenwand fest und hüpft wie ein kleines Kind auf und ab. Für solche Aktionen hätte Zappelphilipp direkt ein paar hinter die Ohren bekommen. Hier handelt es sich aber nicht um einen hyperaktives Kind, sondern um einen geschätzten Mittsiebziger, und das auch noch aus der Bodenperspektive. Ich muss so herzlich in mich hinein lachen, dass das Gewicht mit einem lauten Scheppern zurück auf die anderen Scheiben fällt und meine Arme zwischen meinem Kopf und dem Seilzug platt auf dem Boden liegen. Herr Koslowski erschrickt kurz, freut sich aber dann sehr mich zu sehen und hat heute wiedereinmal die kneipige Heiserkeit über die recht verwaschene Stimme gelegt. Ohne weitere Umschweife erfahre ich, dass er heute die Krankengymnastik ausfallen lassen muss, „weil das Auge geht vor“. Ich bin mir nicht sicher, ob es nur im wörtlichen oder übertragenen Sinne gemeint war, jedenfalls kommt ein Auge tatsächlich hervor und ist schon erkennbar größer als das andere. Die ungewollte Ironie der Frage „Welches ist denn normal?“ von einer Tischnachbarin beim Mittagessen überhört er charmant und hat auch schon eine Diagnose parat. Beim Krustenbraten erfahre ich nun also schon zum dritten Mal, dass Herr Koslowski schon im Januar ein Geschwulst hinter dem Auge hatte und dies nun wahrscheinlich auch wieder operiert werden muss. Sein erschrockenes Gesicht verleit der ganzen Geschichte eine Dramatik, die ich über dem Essen fast nicht wahrgenommen hätte.
Ich bin beeindruckt, wie konsequent sich fast alle Gespräche um Krankheiten und Verletzungen drehen können, und wenn die eigenen Molesten nicht ausreichen um das Gespräch im Gang zu halten werden auch gerne einmal Erfahrungen von Verwandten und Freunden herbeigezogen. Wie gütig von Focus gerade jetzt „Der gesunde Rücken“ zum Titelthema zu küren. Die sensationellen Überschriften „Das empfindliche Gerüst – die Wirbelsäule“ oder noch einfallsreicher „Das Kreuz mit dem Kreuz“ bilden jedoch keine Diskussionsgrundlage, hier sitzen nämlich nur Experten zusammen, die nach dem Motto „learning by hearing“ ausgebildet wurden. Ich schleiche mich möglichst unauffällig hinaus und widme mich anderen Themen: Die Neue Frau berichtet vom Babyglück im dänischen Königshaus. Auch in Spanien liegt der gesamte Hofstaat „dem strahlenden Lächeln“ der Thronfolgerin zu Füßen. Unterbrochen wird meine Lektüre nur von der „dritten im Bunde“, die heute ihren Abschied mit besonders lauten Gekreische feiert und dies dem gesamten Haus mitteilt – wie der Herr Koslowski auch würde sie gern länger bleiben, darf aber leider nicht. Mir soll das recht sein. Hoffentlich werde ich am Ende nicht auch auf eine „Verlängerung“ hoffen.
Zurück zum Wesentlichen: Arztbesuch! Er wirft keinen Blick in meine Akte, ich erzähle fast schon routiniert die gesamte Geschichte, er dreht und drückt und ich sage aua. Dann nuschelt er in einem unglaublichen Tempo eine Mischung aus medizinischen Fachbegriffen, Abkürzungen und Zahlen in ein Diktiergerät. Auf meinen ungläubigen Blick, was man mit so einer Aufnahme noch anfangen soll erwidert er nur: „Ich fasse mich gern kurz. Und deutlich.“ Da ist er aber auch der einzige hier. Noch 10 Tage.

II. Eine Nachricht vom Boss

TAG VIER. „MTT“: medizinische Trainingstherapie, also der Fitnessraum. Ich gucke ins Leere, pumpe vor mich hin und denke halbherzig darüber nach, ob den vielleicht auch meine Oberarme von den ganzen Stabilisierungsübungen profitieren könnten. Graue Tristesse. Und plötzlich so etwas: Das ranzige Gedudel des Radios wird unterbrochen, nicht von Werbung oder Nachrichten - ja, der schwarze Schwan vom Aasee wird heute in den Zoo gebracht - sondern von Bruce Springsteen! Wahrhaftig, der Boss, hier bei mir. Schon nach zwei Akkorden erkenne ich das Lied: „Waiting on a sunny Day“, das kann kein Zufall sein, irgendjemand will mir ein Zeichen geben! Ich kenne den Text auswendig, trotzdem höre ich angestrengt zu, um das Zeichen zu erkennen. Vielleicht das:
„I thought I felt a sweet summer breeze/
Must have been you sighin' so deep”

Könnte passen, hier wird viel geseufzt, aber im Wortschatz meiner Leidensgenossen gibt es keine süße Brise, sondern nur Zug. Also Fenster zu! Das war nichts. Ich warte den Refrain ab, auch die zweite Strophe – nichts, was ich als Zeichen erkennen könnte. Jetzt aber, die dritte Strophe, ganz allein für mich geschrieben:
“Hard times baby, well they come to tell us all/
Sure as the ticking of the clock on the wall”

Das ist es! Die schweren Zeiten – keine Frage. Die tickende Uhr an der Wand – direkt vor mir oder ist damit das gleichmäßige Pumpen der Stromtherapiemaschine gemeint? Egal, wahrscheinlich beides, damit ich dieses Zeichen auch wirklich erkenne. Und, wie geht es weiter?
“Your smile, girl, brings the morning light to my eyes”
Oh, nein. Damit kann ja nur wieder meine kleine osteuropäische Freundin gemeint sein, die mich zur Begrüßung im Bewegungsbad neuerdings gleich zweimal grüßt. Wahrscheinlich kommt sie durch das ekelhaft warme, therapeutische Wasser erst so richtig in Fahrt. Auf dieses Zeichen hätte ich auch verzichten können. Ihre Taktik habe ich jetzt aber durchschaut. Sie lockt ihr Opfer – diesmal eine dritte im Bunde, die sich die letzten beiden Tage sehr bedeckt gehalten hat – mit der harmlosen Frage „Wie isses denn?“, nur um nach einer verhaltenden Antwort loszulegen und ihr Opfer wieder mit ihrer Krankenakte zu erschlagen. Die heutige Variation der Geschichte besteht darin, dass auch die Krankenakte ihres Mannes zur Sprache kommt. Mein anfängliches Mitleid für die Angesprochene erweist sich als völlig überflüssig: Sie scheint sich in den letzten Tagen nur geschont zu haben und hält dagegen! Und nicht nur das, sie hebt das Gespräch auf eine ganz andere Ebene. Jetzt werden die verschiedenen Ärzte und Rehazentren in Münster diskutiert. Ich halte mich vornehm zurück und merke, dass die kleine Osteuropäerin, die ihren Kopf gerade so über Wasser halten kann, ganz verblüffende Ähnlichkeit mit einer Schildkröte hat.
Die Gesprächsführung lässt sie sich jedoch nicht so ohne weiteres abnehmen und schlägt bei Mittagessen zurück. Ich schaufele eilig die schon klein geschnittenen Nudeln in mich hinein und höre von rechts eine spannenden Aufzählung, was genau sie in ihren ganzen Leben alles so hochgehoben hat, vom Schulranzen bis zu den Akten im Büro – eine beeindruckende Leistung, ich bin fasziniert! Ich erfreue mich an der Schildkröten-Ähnlichkeit und gucke herum, wer noch so da ist. Mir gegenüber nippt eine süße alte Dame an einer Suppe und ist beeindruckt, welche Mengen „die jungen Leute“ so essen können. Daneben ein alter Matrose, der die gesamten Unterarme tätowiert hat und über 100 Kilo gewogen hat, wovon man aber nichts sieht. Jedenfalls hat er Bandscheibe, seine Frau hat Hüfte. Diese schneidigen Formulierungen können nur noch vom Imbissdeutsch übertroffen werden: „Ich bin das Schnitzel“. Um die Runde zu komplettieren sitzt neben mir noch eine Frau, von der ich aber nur Geräusche vernehme, auf die nach meiner Erfahrung Dittsches Hinweis „das perlt“ folgen müssten. Guten Appetit! Ich sage weiterhin nichts, nicke freundlich und denke „Durchhalten Peter, achte nicht auf Zeichen. Ohren zu und durch“. Und was gibt mir Bruce Springsteen noch mit auf den Weg? Ich muss lange im Gedächtnis kramen und darauf zu kommen: „No surrender“! Noch 11 Tage.